Was bedeutet Kalte Progression? shutterstock.com/Valentina Guseva
  • Marco Heibel

Was bedeutet Kalte Progression?

Immer wenn eine wichtige Wahl vor der Tür steht, schreiben sich viele Parteien eine Vereinfachung des Steuersystems auf die Fahnen. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Begriff „Kalte Progression“. Erfahren Sie hier, warum mehr brutto manchmal weniger netto bedeutet.

Unter kalter Progression versteht man eine Steuermehrbelastung. Sie tritt ein, wenn die Löhne genauso stark wachsen wie die Inflation, zugleich aber die Einkommensteuersätze unverändert bleiben. Dadurch rutschen viele Bürger in eine höhere Steuerklasse, behalten netto weniger von ihrem Geld und können sich de facto weniger leisten.

Steuersatz steigt nicht linear

Zunächst einmal ist der Gedanke, die Teuerungsrate durch eine gleich große Lohnerhöhung aufzufangen, nur folgerichtig. In der Realität sieht es jedoch so aus, dass zwei Prozent mehr Lohn zwei Prozent Inflation nicht auffangen können.

Schuld ist das deutsche Steuersystem. In Deutschland zahlt man bis zum Erreichen des Grundfreibetrages (2010: 8.004 Euro für Ledige/16.009 Euro für Verheiratete) keinen Cent Steuer. Wer dagegen 52.882 Euro (Ledige) bzw. 105.764 Euro (Verheiratete) im Jahr verdient, zahlt den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Zwischen diesen beiden Beträgen steigt der Steuersatz nicht linear, sondern progressiv an. So kann es durchaus passieren, dass sich eine Brutto-Lohnerhöhung netto in einem Einkommensverlust bemerkbar macht.

Ein Beispiel: Ein verheirateter Mann (Alleinverdiener, mit Gattin veranlagt) verdient im Jahr 2011 50.000 Euro brutto. Sein Arbeitgeber erhöht seinen Lohn in 2012 um 2,5 Prozent, genauso hoch fällt auch die Inflation aus. Das Bruttogehalt des Arbeiters steigt damit auf 51.250 Euro. Zahlt er 2011 noch 8.212 Euro Einkommenssteuer, liegen seine Abgaben 2012 bei 8.578 Euro. Nicht so schlimm, sollte man meinen. Schließlich hat er nominal immer noch 884 Euro mehr in der Tasche. Allerdings ist hier die Teuerungsrate von 2,5 Prozent, die das Geld entwertet, noch nicht eingerechnet. Bezieht man die in die Rechnung mit ein, liegt das Realeinkommen unseres Arbeiters im Jahr 2012 nur noch bei 41.605 Euro – und damit hätte er netto sogar 183 Euro weniger in der Tasche als im Jahr zuvor (41.788 Euro).

Das kann nicht der Sinn der Sache sein, schließlich muss sich – um einen bekannten deutschen Politiker zu zitieren – Leistung wieder lohnen. Und das Problem ist den Politikern nur allzu bewusst. Nur haben Sie bislang keine Maßnahmen ergriffen, die kalte Progression einzudämmen. Dabei gäbe es gleich mehrere Möglichkeiten.

Lesen Sie im 2. Teil: Mögliche Wege aus der Kalten Progression

Dieser Beitrag stammt von und dem business & more-Team