Woher kommt eigentlich die Staatsanleihe? istockphoto.com/DNY59
  • Marco Heibel

Woher kommt eigentlich die Staatsanleihe?

In der aktuellen Euro- bzw. Finanzkrise sind Staatsanleihen in aller Munde. Doch woher kommt die Staatsanleihe überhaupt? Um eines gleich vorwegzunehmen: Sie ist keine Erfindung der modernen Ökonomie.

Die ersten Staatsanleihen gab es bereits im Italien des 14. Jahrhunderts. Irgendwo zwischen Hundertjährigem Krieg und dem Ausbruch der Pest wurden Papiere unter das Volk gebracht, die „Prestiti“ oder „Prestanze“ genannt wurden, und die sich im Grunde nicht von den heutigen Staatsanleihen unterschieden.

Das Prinzip der Staatsanleihe

Immerhin ist das Prinzip über Jahrhunderte das gleiche geblieben: Vereinfacht ausgedrückt, gibt der Käufer einer Anleihe dem Staat einen Kredit, den er nach einer gewissen Zeit mit Zinsen zurückerhält. Der Käufer mehrt so mittel- bis langfristig sein Kapital. Der Staat erhält auf diese Weise Geld, mit dem er arbeiten kann. Geht es heute vor allem darum, Löcher im Haushalt zu stopfen oder fällige Schulden zu tilgen, wurde die Staatsanleihe ursprünglich eingeführt, um Kriege zu finanzieren.

So wie im Italien des 14. Jahrhunderts, das damals noch kein geeintes Land war, sondern aus vielen, teils rivalisierenden Klein- und Stadtstaaten bestand, die sich nach Kräften bekämpften – oder besser gesagt bekämpfen ließen. Denn kaum ein Bürger griff in diesen Tagen zur Waffe, vielmehr wurden Söldner engagiert. Und die käuflichen Krieger mussten irgendwie finanziert werden. Am einfachsten geht das natürlich, indem man die Bürger zur Kasse bittet.

Wie umgeht man ein Gebot, das einem Verbot gleichkommt?

Doch da gab es ein Problem: Steuern gab es damals noch nicht. Und die italienischen Kaufleute hätten es als Beleidigung ihrer Freiheit empfunden, dem Staat Abgaben leisten zu müssen. Außerdem gab es noch ein Problem zu lösen: Die Bibel untersagte Christen das Verleihen von Geld gegen Zinsen.

Folglich war Kreativität gefordert: Findige Geschäftsleute, gewissermaßen die ersten Banker der Welt, verliehen das Geld – und zwar zinsfrei. Naja, sie nannten ihren Gewinn nicht „Zinsen“, sondern „Provisionen“. Auf diese Weise befanden sie sich in einer Grauzone, die sie zumindest vor dem Wort Gottes absicherte.

Frühen Risiken und alt bekannte Mechanismen des Anlagemarktes

Allerdings musste man bereits damals aufpassen, wem man das Geld lieh. Ein Bankier aus Florenz erlitt im Jahr 1338 finanziellen Schiffbruch, nachdem er dem englischen König Edward für den Krieg gegen Frankreich große Summen geliehen hatte. Dummerweise konnte (oder wollte) die englische Krone das Geld nicht mehr zurückzahlen.

Nach diesem ersten „Finanzcrash“ der Geschichte lernten auch die Bankiers dazu: Sie führten fortan ein System ein, bei dem die Bürger zahlten, ihr Geld aber mit Gewinn zurückerhielten. Als Zahlungsbeleg erhielten die Bürger einen Schuldschein, eine so genannte Staatsanleihe.

Dadurch waren die Staatskassen wieder gefüllt und die Kriege konnten fortgesetzt werden. Bis man den Bürgern das Geld zurückzahlen musste, hatte man sich erst einmal etwas Zeit verschafft. Und wenn man dazu nicht in der Lage ist, werden einfach neue Staatsanleihen herausgegeben. Geboren war ein Mechanismus, der noch bis heute greift.

Geboren war aber auch der Anlage- und Spekulationsmarkt. Schon bald kauften sich die Bürger die Schuldscheine nämlich gegenseitig ab. Der Wert der Scheine stand dabei immer in Abhängigkeit zum Vertrauen der Bürger in die Stadt, die Schulden auch abzutragen.

Die Staatsanleihe verbreitet sich in der Welt

Das System der italienischen Klein- und Stadtstaaten fand im Lauf der Zeit Anhänger. Vor allem Krieg führende Nationen waren von dieser Möglichkeit der Kapitalbeschaffung angetan. Einer der ersten Nachahmer waren die Niederlande, die sich 1568 mit Hilfe der Staatsanleihen gegen die Okkupation durch die Spanier erhoben. Die Bürger zahlten damals gerne, um ihre Freiheit zu finanzieren.

Im Lauf der Jahrhunderte sprangen schließlich alle Nationen auf diesen Zug auf. Mit der Konsequenz, dass mittlerweile jedes Land auch in andere Länder investiert. Wobei heute nicht mehr Bürger, sondern Banken, Versicherungen und Investmentfonds die wichtigsten Käufer von Staatsanleihen sind. Alles ist eben etwas größer geworden seit dem 14. Jahrhundert. Leider auch die weltweiten Schulden.

Dieser Beitrag stammt von und dem business & more-Team